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Blogeintrag: Samstag 26.12.2009
Man braucht kaum ein Prophet sein, um vorauszusagen, welche Themen die Magazine in den Tagen nach Weihnachten wieder rauf und runter beten werden: Wie nehme ich nach der Festtagsmast wieder ab? Welche Diät ist dieses Mal die ultimative? Und wie nehme ich ab, indem ich über die Feiertage zügellos schmause?
In diesem Kontext ist mir ein Buch von Rebekka Reinhard „Die Sinn-Diät“ ins Auge gestochen. In ihrem Untertitel „Warum wir schon alles haben, was wir brauchen – Philosophische Rezepte für ein erfülltes Leben“ deutet sie auch gleich die Lösungsrichtung an. Die promovierte Philosophin gibt uns Tipps „Wie wir uns vom Un-Sinn befreien“. Indem Reinhard 14 Themenfelder, angefangen vom Umgang mit Perfektionismus und Option über „Wie man Zeit-Monster besiegt“ und der Frage nach dem Guten bis hin zu Pessimismus und Unzufriedenheit untersucht, deckt sie das im alltäglichen Leben und Arbeiten Erfahrbare ab.
Besonders gelungen finde ich ihre konkreten Rezepte, z. B. in dem Kapitel über Big Talk und andere Kommunikations-probleme. Hier empfiehlt sie, von bspw. dem oberflächlichen Durchblättern von Fachzeitschriften und Trendmagazinen eine zeitlang abzusehen und diese Zeit lieber in Klassiker (z. B. Goethe, Dostojeweski und Mann) zu investieren. Lieber den Gang in die Tiefe zu wagen, anstatt oberflächlichem Fun zu frönen. Das Ganze würzt Reinhard mit Geschichten und Erzählungen, die das Aufgezeigte wieder liebevoll relativieren. Ein Zen-Gleichnis mit dem Titel „Der Narr und der Theologe“ sei hier vollständig zitiert:
Ein Zen-Mönch lebte mit seinem einäugigen und einfältigen Bruder. Eines Tages kündigte sich ein berühmter Theologe an, der von weither kam, um den Mönch zu treffen. Da dieser jedoch bei dessen Ankunft nicht zugegen sein konnte, sagte er seinem Bruder: „Empfange diesen Gelehrten würdig und behandle ihn gut! Halte den Mund und alles wird gut gehen!“ Mit diesen Worten verließ er das Kloster. Bei seiner Rückkehr suchte er umgehend seinen Besucher auf:
„Hat mein Bruder Sie gut empfangen?“, erkundigte er sich. Der Theologe antwortete ihm überschwänglich: “Ihr Bruder ist wirklich außerordentlich. Wahrhaft ein großer Theologe!“ Der Mönch brachte nur stotternd hervor: „Wie bitte? Mein Bruder … ein … Theologe …?“ „Wir hatten ein faszinierendes Gespräch“, entgegnete der Gelehrte, „bei dem wir uns nur mit Gesten unterhielten. Ich zeigte ihm einen Finger, er zeigte mir zwei. Ich antwortete ihm logischerweise mit drei Fingern. Woraufhin er mich sprachlos machte, indem er mir eine geschlossene Faust zeigte und so die Diskussion beendete… Mit einem Finger verkündigte ich die Einheit Buddhas. Mit zwei Fingern erweiterte er meinen Blickwinkel, indem er mich daran erinnerte, dass Buddha nicht von seiner Lehre getrennt werden kann. Entzückt von seiner Antwort antwortete ich ihm mit drei Fingern, dass Buddha durch seine Lehre in der Welt wirkt. Darauf fand er im Zeichen der geballten Faust die erhabene Antwort: Buddha, seine Lehre und die Welt sind eins. Der Kreis war geschlossen.
Etwas später suchte der Mönch seinen einäugigen Bruder auf: „Erzähl mir, was zwischen dir und dem Theologen passiert ist.“ „Ganz einfach“, erwiderte der Bruder. „Er verspottete mich, indem er mir einen Finger zeigte und mir so zu verstehen gab, dass ich nur ein Auge habe. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und ich antwortete, dass er Glück hätte, beide Augen zu besitzen. Doch bestand er hartnäckig auf seinem Spott: „Wie dem auch sein, zusammen haben wir drei Augen.“ Diese Bemerkung brachte das Fass zum überlaufen. Ich zeigte ihm meine geballte Faust und drohte so, ihn auf der Straße niederzuschlagen, wenn er seine üblen Bemerkungen nicht bald sein ließe.“
Glauben wir Watzlawick (zwei Seiten einer Kommunikation) oder Schulz von Thun (vier Seiten einer Nachricht), dann bleibt ja noch offen, was die beiden da jetzt tatsächlich miteinander (?) kommunziert haben und was davon wohl das Richtige ist…
Mich fasziniert an der „Sinn-Diät“ von Reinhard, dass wir solchen Phänomenen durch Rück-Besinnung auf die Schliche kommen können.
Und da bietet sich die jetzt kommende Zeit „zwischen den Jahren“ hervorragend an. Ich freue mich auf diese Tage, um diesen Sinn-Dimensionen in meinem Alltag und Leben weiter auf die Spur zu kommen und v. a. um mich von Un-Sinn oder auch überflüssigerweise suggeriertem Ersatz-Sinn trennen zu können. Ich wünsche Ihnen für die kommenden Tage viel Spaß beim Entdecken Ihrer Sinn-Dimensionen, Leichtigkeit beim Verzicht auf Un-Sinn und Neugier beim Entziffern des Unbekannten.
zum vorherigen Blogeintag vom 14.12.2009:
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