#Selbstwahrnehmung
„Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“ (Hilde Domin)
Als Führungskräfte sind wir es gewohnt, uns an Zielen und Zieldimensionen zu orientieren und unser Handeln daran auszurichten. Wir stehen vor der Aufgabe, Ziele so für unsere Teams herunterzubrechen, dass alle Teammitglieder ihren individuellen Beitrag zur gemeinsamen Zielerreichung leisten können.
Die ausschließliche Orientierung an Zielen genügt für gutes Führungshandeln nicht
Im Austausch mit einer Führungskraft sind wir der Frage nachgegangen, wie ihr Handeln noch konsequenter an Zielen ausgerichtet sein kann. Dieses Ringen um konsequente Zielorientierung führte zu der Erkenntnis, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen Führungskräfte kein angemessenes Ziel formulieren können. Gemeint sind Situationen, die so stark von Unsicherheit und Volatilität geprägt sind, dass es schlichtweg unrealistisch ist, etwa von Mitarbeitenden oder Vorgesetzten zu erwarten, daraus unmittelbar Ziele ableiten zu können.
Selbstwahrnehmung – sich seiner selbst gewahr sein
Was kann ich als Führungskraft tun, um mit solch unsicheren und volatilen Situationen gut umzugehen?
Die Antwort, die wir im Austausch mit der Führungskraft erarbeitet haben, lautet: Selbstwahrnehmung. Sich selbst gut wahrzunehmen und sich der eigenen Gefühle bewusst zu sein. Sich seiner selbst gewahr zu sein. Sozusagen Zeuge des eigenen Gefühlszustands zu sein. Und in dieser Zeugenfunktion geht es nicht darum, sich selbst zu bewerten, sondern ausschließlich die Gefühle und die Körperempfindungen wahrzunehmen.
Seiner selbst gewahr sein – ein immer verfügbarer Ankerpunkt
Der große Vorteil, als Führungskraft die eigene Selbstwahrnehmung zum Ausgangspunkt des Führungshandelns zu machen, besteht darin, dass sie immer zur Verfügung steht. Gerade in Situationen, in denen es uns nicht gelingt, Orientierung im Außen zu finden, ist diese Selbstwahrnehmung wahrscheinlich der einzige Fixpunkt, auf den wir in unserem Führungshandeln zurückgreifen können.
„fühlend wahrnehmen“ – eine vertiefte Form des Wahrnehmens
Sich als Führungskraft seiner selbst gewahr zu sein und die eigenen Gefühle gut wahrnehmen zu können, erinnert mich an Otto Scharmers Konzept des „fühlenden Wahrnehmens“. Scharmer empfiehlt, auf einer tieferen Ebene des Wahrnehmens und Zuhörens zum einen das Erleben anderer nachzuvollziehen und die Situation besser zu verstehen und zum anderen die eigene Körperresonanz, also unser Bauchgefühl, als legitime Informationsquelle ernst zu nehmen.
Diese zweite Facette des In-sich-Hineinfühlens bezeichnet er als „Open Heart“. Wahrnehmen mit einem offenen Herzen – oder anders gesagt: wahrnehmen mit emotionaler und somatischer Intelligenz. Sehr inspirierend beschreiben Scharmer und Katrin Kaufer dies auch in „Leading from the Emerging Future“ (www.loquenz.de/leading-from-the-emerging-future-2).
„Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“
Vielleicht enthält dieser Satz aus Hilde Domins Gedicht „Nicht müde werden“ eine wertvolle Anregung für Führungskräfte. Höre als Führungskraft nicht auf, dich zu engagieren und nach Zielen als Orientierungspunkten zu suchen, und schaffe zugleich Raum dafür, dass Unerwartetes oder „Größeres“ entstehen darf.
Wahrscheinlich geht es beim „fühlenden Wahrnehmen“ der Selbstwahrnehmung nicht um ein Entweder-oder gegenüber der kognitiven Reflexion, sondern um ein Sowohl-als-auch. Auch wenn das im Führungsalltag und angesichts der auf Führungskräfte einströmenden Erwartungen anderer nicht immer einfach ist.
Als kleine Ermutigung und als Hörtipp empfehle ich die Vertonung des Gedichts von Hilde Domin durch Elke Voltz (www.youtube.com/watch?v=oB2EO5IV9x8).