Stärken stärken – ist das vielleicht zu einfach gedacht?

Immer wieder gibt es Warnungen, dass die Nutzung von Stärken auch Risiken bergen kann. Frage ich Copilot, ob „Stärken stärken“ riskant ist, lautet die Antwort: „Das Prinzip ´Stärken stärken´ ist heute ein Standard der Positiven Psychologie und modernen Führung. Es gilt als effizienter, Talente auszubauen, als mühsam an Schwächen zu arbeiten, in denen man nie Spitzenleistungen erreichen wird.“ So weit, so gut.

Doch dann folgt der Hinweis auf ein Risiko: „Dennoch birgt ein einseitiger Fokus auf Stärken Risiken, wenn er als „Freifahrtschein“ zum Ignorieren von Defiziten missverstanden wird.“

Konkret nennt Copilot vier Risiken eines einseitigen Fokus:

  • Betriebsblindheit durch Übersteigerung („Overuse“).
  • Ignorieren von Schwächen – als Vorannahme, dass Stärkenfokus automatisch Schwächen ausblendet.
  • Mangelnde Reflexion – wenn ein starkes Selbstbild mit fehlender Feedback-Kultur zusammenfällt.
  • Die Effizienz-Falle: Wenn es mir nicht gelingt, meine Schwächen auf ein akzeptables Mindestmaß zu bringen, lassen sie sich nicht immer durch Stärken kompensieren.

Stärken nutzen – ohne Schwächen zu ignorieren

Das Fazit dieser kurzen Recherche liegt nahe. „Stärken stärken“ darf nicht heißen, Schwächen zu ignorieren. Gleichzeitig spricht dieser Hinweis nicht gegen den konsequenten Einsatz meiner Stärken. Dazu im Loquenz-Blog: Stärken stärken – nicht um ihrer selbst willen, sondern um meiner selbst willen.

Echte Stärken oder erlernte Kompetenzen?

Ein zentraler Punkt in der Arbeit mit dem Aspekt „Stärken stärken“ ist die Frage: Handelt es sich um eine echte Stärke – oder um erlernte Kompetenz?

Markus Ebner sagt in einem Interview im Harvard Business Manager: „Nicht alles, was wir können, ist auch eine Stärke. Etwas zu können, ist wahnsinnig hilfreich. Aber es heißt noch lange nicht, dass es mich energetisiert und aus mir herausdrängt.“

Der wichtige Unterschied: Stärken erlebe ich häufig im Flow – das vitalisiert und energetisiert mich. Setze ich erlernte Kompetenzen ein, tue ich etwas, das ich gut kann. Ich fühle mich dabei aber nicht „on fire“, wie es eine Bekannte gern sagt. Manchmal erschöpft mich der Einsatz von Kompetenzen sogar.

Das ausführliche Interview mit Markus Ebner findet sich hier: https://www.manager-magazin.de/hbm/fuehrung/nicht-alles-was-sie-gut-koennen-ist-eine-staerke-a-d291f555-7fac-449a-bd7b-d0a9cd5b4c87?sara_ref=re-nl-leadforward0700-2026_02_10

Markus Ebners Tipp, um Stärken von erlernten Fähigkeiten zu unterscheiden, ist der Vierfach-Stärkencheck.

GRAFIK Statusfragen Staerken Staerken Ebner - Stärken stärken – ist das vielleicht zu einfach gedacht?

(Quelle: https://www.manager-magazin.de/hbm/fuehrung/nicht-alles-was-sie-gut-koennen-ist-eine-staerke-a-d291f555-7fac-449a-bd7b-d0a9cd5b4c87?sara_ref=re-nl-leadforward0700-2026_02_10)

Overuse von Stärken

Neben der Verwechslung von Stärken mit erlernten Fähigkeiten kann es tatsächlich zu einer Übernutzung kommen. Von „Overuse“ spricht man, wenn Stärken …

  • … zu stark
  • … zur falschen Zeit
  • … in der falschen Situation
  • … ohne Balance mit anderen Stärken eingesetzt werden.

Dann kann der positive Aspekt einer Stärke (z. B. Zielstrebigkeit) ins Negative kippen (z. B. Verbissenheit). Das lässt sich gut mit dem Wertequadrat (Nicolai Hartmann) bzw. dem Werte- und Entwicklungsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun beschreiben: https://de.wikipedia.org/wiki/Werte-_und_Entwicklungsquadrat

Mitarbeitende auf Overuse ansprechen

Führungskräfte können Overuse bei Mitarbeitenden an kleinen Signalen erkennen – oft sind sie anfangs noch unauffällig. Zum Beispiel: Die Ergebnisse werden schlechter, obwohl der Einsatz steigt. Oder das Teamfeedback deutet auf ein „Zuviel des Guten“ hin.

Wichtig dabei: die Stärke benennen, ohne sie zu kritisieren. Zum Beispiel so: „Deine hohe Gewissenhaftigkeit ist super wertvoll. In diesem Fall führt sie dazu, dass du dich verzettelst. Wollen wir gemeinsam schauen, wie viel Präzision hier wirklich nötig ist?“

Vielleicht geht es auch darum, eine Stärke durch eine andere zu ergänzen. Zum Beispiel: Engagement durch Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen ergänzen.

Als Grundhaltung hilft: „Stärken stärken“ ist sinnvoll und jede Stärke an sich ist wertvoll – es geht um ihren wirksameren Einsatz.

Als Führungskraft den eigenen Overuse erkennen

Mindestens genauso wichtig ist, dass Führungskräfte sich selbst gut im Blick behalten. Wo laufe ich Gefahr, meine Stärken zu übernutzen?

Feedback ist dabei besonders hilfreich – um mir selbst auf die Schliche zu kommen. In welchen Situationen bekomme ich immer wieder ähnliches Feedback? Wo geben mir andere die Rückmeldung, dass ich unter Stress gerate? Wo fehlt mir bei einer Stärke ihre „Gegenstärke“ im Alltag?

Und mich selbst immer wieder zu stoppen und zu reflektieren – zum Beispiel mit mentalen „Stoppschildern“:

  • Braucht diese Situation wirklich 100 % dieser Stärke?
  • Welche Stärke könnte ich heute bewusst weniger zeigen?
  • Kurze Auszeiten vor wichtigen Gesprächen – um mir meinen geplanten Stärkeneinsatz bewusst zu machen.

Wahrscheinlich ist es ein lebenslanges Thema, dem eigenen Stärkeneinsatz immer besser auf die Schliche zu kommen. Für mich ist das eine Selbstbeobachtungs- und Reflexionsreise, die keinen Moment langweilig wird.

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