Eine schmerzhafte Lektüre
Jana Hensel gelingt es auf eindrückliche, mitunter fast penetrante Art und Weise, ihr Ohr nah an den Perspektiven ostdeutscher Bürgerinnen und Bürger zu halten.
Es schmerzt, von diesen ostdeutschen Biografien und Erfahrungen zu lesen und gleichzeitig zu realisieren, dass die daraus gezogenen Konsequenzen zumindest nachvollziehbar erscheinen. Die Landkarte der Wahlergebnisse in Ostdeutschland ist nahezu durchgängig blau gefärbt. Für Jana Hensel zeigt sich darin nicht nur die Hinwendung zu einer Partei, sondern zugleich die Tendenz, sich von der Demokratie zu verabschieden.
Ihr Buch zeichnet die politische Bewegung des Ostens von links – in den Jahren von 1990 bis 2005 – nach rechts – in den Jahren von 2005 bis 2021 – nach. Die ausführlichen Gespräche, die Hensel mit engagierten Politikerinnen und Politikern aus dem Osten und aus einem breiten Parteienspektrum führt, sind beeindruckend und gehen nahe.
Auch wenn man manche Passagen lieber überfliegen oder einfach weiterblättern möchte, lohnt es sich, dranzubleiben. Die Lektüre ist allerdings eine anspruchsvolle Übung im Zuhören, im Dabeibleiben und darin, sich nicht sofort ein Urteil über die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zu bilden.
Durch die Lektüre hat sich mir beinahe eine neue Welt eröffnet.
Ein Fazit, das Mut macht
Mut macht mir insbesondere Hensels Fazit am Ende des Buches:
„Aber hinter der AfD-Wählerei vieler Ostdeutscher stecken andere Probleme als jene, die wir bisher den Mut hatten zu sehen. Hier nistet die Zuversicht, hierin versteckt sie sich. Das habe ich im vergangenen Jahr auch begriffen. Es ist wahrscheinlich meine wichtigste Erkenntnis. Hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche. Ich rede davon, dazugehören zu wollen, ernst genommen und gesehen zu werden.
Ich meine damit das Recht auf eigene historische Wahrheiten, das Recht darauf, auf gesellschaftliche Fragen andere Antworten geben zu wollen, sich auf andere Erfahrungen stützen zu dürfen. Ich rede von der Sehnsucht nach Gleichberechtigung, Augenhöhe, Teilhabe, Aufstieg. Die Anti-Demokraten der AfD können diese Wünsche nicht erfüllen, sie können diese Sehnsüchte nicht stillen. Sie schüren die Wut und fangen sie dann ein wie einen Wind, der ihre Segel füllen soll. Hinter der Wut stecken Fragen, die nur Demokraten beantworten können. Nur Demokraten können die Demokratie retten“ (S. 253-254).
Diesem Buch sind zahlreiche Leserinnen und Leser zu wünschen.
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