Aus Fehlern wird man klug, darum ist einer nicht genug
Amy Edmondson liefert mit „wertvolle Fehler“ ein eindrückliches Plädoyer für die Kunst des klugen Scheiterns – und dafür, kluge Fehler als Schritte auf dem Weg zur Erkenntnis zu verstehen.
Sie nutzt zahlreiche Fallbeispiele, die nicht nur ihrer Praxis als Professorin für Führung und Management an der Harvard Business School entstammen, sondern ihre Thesen auch eindrucksvoll untermauern.
Psychologische Sicherheit als Grundvoraussetzung für kluges Scheitern
Psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz ist eine der entscheidenden Voraussetzungen dafür, dass kluges Scheitern Teil der Unternehmenskultur werden kann.
Werden Risiken vermieden oder Fehler unter den Teppich gekehrt, fehlt der Freiraum, neue Wege zu erproben – und damit auch die Bereitschaft, mögliches Scheitern mitzudenken.
Wichtig ist dabei, dass es der Autorin nicht um Fehler im Sinne von „ich habe vergessen die Checkliste anzuwenden“ geht. Für solche Fälle empfiehlt Edmondson den Einsatz von Präventionssystemen. Als Beispiele nennt sie Fehlerberichte ohne Schuld und Scham, vorbeugende Wartung, sinnvoll festgelegte Handlungsschritte, entsprechende Aus- und Weiterbildung sowie die Einführung von mehr Fehlersicherheit – etwa Sicherheitsverschlüsse an Tablettenfläschchen, die von Kindern nicht geöffnet werden können.
Der perfekte Sturm
Unter der Kapitelüberschrift „Der perfekte Sturm“ stellt Edmondson die systemischen Faktoren des Scheiterns dar. Die Autorin spart dabei auch nicht mit Hinweisen, wie sich komplexe Fehler reduzieren lassen. Interessanterweise kann schon das ausdrückliche Benennen der Möglichkeit, dass Fehler auftreten können, dazu beitragen, ihr tatsächliches Auftreten zu reduzieren.
Problemlösung als Mannschaftssport
Sehr inspirierend finde ich die Aussage, dass Problemlösung ein Mannschaftssport ist. Erst wenn bei Misserfolgen nicht die Suche nach dem oder der Schuldigen im Vordergrund steht, sondern der Misserfolg als Gelegenheit zur Verbesserung verstanden wird, entsteht für alle die Chance, aus klugen Fehlern zu lernen.
Kluge und weniger kluge Fehler
Setze ich bei einem bekannten Problem eine bekannte und erprobte Problemlösung nicht ein, wird zu Recht von einem Fehler gesprochen. Die zentrale Frage ist dann, durch welche organisatorischen oder anderen Maßnahmen sich dieser Fehler – also die Nichtanwendung einer guten und bereits bekannten Lösung – künftig vermeiden lässt.
Von klugen Fehlern spricht Edmondson dagegen bei Problemkonstellationen, für die eine Lösung noch nicht bekannt ist. In einer solchen Situation habe ich nur geringe Chancen, den Lösungsweg ohne “Fehler“ herauszufinden. Für solche Problemkonstellationen spricht sie deshalb von klugem Scheitern – und nicht einfach von Fehlern.
Sie meint damit, dass ich bei klugem Scheitern – ähnlich wie in einem hypothesengeleiteten wissenschaftlichen Experiment – mehr über mein Gegenstandsfeld in Erfahrung gebracht habe. Ganz im Sinne des Slogans „aus Fehlern wird man klug, darum ist einer nicht genug“.
Wichtig dabei ist, dass ich mir tatsächlich die Mühe mache, Hypothesen zu meiner Problemkonstellation zu entwickeln, die ich durch gezielte explorative Umsetzung überprüfen kann. Für alle in der Wissenschaft tätigen Personen ist dies ein vertrautes Vorgehen.
Wahrscheinlich zeichnen sich viele wichtige wissenschaftliche Entdeckungen gerade dadurch aus, dass Forschende eine Vielzahl von Momenten klugen Scheiterns durchlaufen haben.
Psychologische Sicherheit bleibt Grundvoraussetzung
Für das mutige Erproben klugen Scheiterns ist psychologische Sicherheit damit eine der wesentlichen Grundvoraussetzungen.
Indem ich als Führungskraft über kluges Scheitern am Arbeitsplatz und in Meetings spreche, kann ich wesentlich dazu beitragen, dass kluges Scheitern Teil der gelebten Unternehmenskultur wird.