Immer wieder taucht im Kontext stärkenorientierter Mitarbeiterführung die Frage auf, ob das nicht ‚Führen mit rosaroter Brille‘ sei. Natürlich könnte man auf diese Nachfrage mit einer Gegenfrage reagieren: Schadet es, wenn ich stärkenorientiert führe? Oder anders gefragt: Gibt es ein wesentliches Risiko, wenn ich als Führungskraft Stärken stärke?
Zur Sonne ausrichten
Bei der Gartenarbeit und im Gespräch mit einem Nachbarn ist mir ein Vorgang in der Natur begegnet, der sich vielleicht auf die Führung von Mitarbeitenden übertragen lässt. Gemeint ist der heliotrope Effekt. Dieser Effekt beschreibt das Verhalten von Pflanzen oder anderen Organismen, sich zur Sonne hin auszurichten. Das Wort stammt aus dem Griechischen: helios = Sonne, tropos = Wendung.
Diesen heliotropen Effekt kann ich auch in unserem kleinen Garten beobachten. Manche Blüten bewegen sich im Laufe des Tages mit der Sonneneinstrahlung. Ein Beispiel, das vielen vertraut sein dürfte, ist die Sonnenblume. Ihre Blütenköpfe bewegen sich tagsüber mit dem Sonnenverlauf – besonders im Jugendstadium.
Die Positive Psychologie hat diesen heliotropen Effekt aufgegriffen und beschreibt damit die Tendenz von Menschen und Organisationen, sich auf natürliche Weise in Richtung positiver, lebensfördernder Zustände zu bewegen – ähnlich wie Pflanzen sich zur Sonne hin ausrichten.
Kim Cameron, einer der Begründer des Konzepts Positive Leadership, sagt: „Positivity is heliotropic.“ Er meint damit, dass positive Emotionen, Beziehungen und Erfahrungen auf Menschen anziehend wirken, ihre Entwicklung fördern und ihre Motivation stärken.
Flourishing/Aufblühen und heliotroper Effekt
Martin E. P. Seligman, ein wichtiger Initiator der Positiven Psychologie, hat sich ursprünglich die Frage gestellt, was Menschen dabei hilft, aufzublühen. Im englischsprachigen Original spricht er von „flourishing“ – also vom Aufblühen (https://www.loquenz.de/positive-psychologie-eigentlich-ist-es-einfach).
Den heliotropen Effekt im Arbeitskontext ermöglichen
Zu dieser Idee des „Aufblühens“ passt der heliotrope Effekt sehr gut. Wie kann es gelingen, Mitarbeitende so zu führen, dass sie sich an ihrer eigenen Sonne ausrichten können? Wie kann es gelingen, dass sie auch im betrieblichen Kontext positive Zustände wie Glück, Sinn, Verbundenheit und Selbstverwirklichung erleben?
Es sind Zustände, nach denen Menschen im Allgemeinen streben. Als Führungskraft stellt sich damit eine wichtige Frage: Wie gut kenne ich meine Mitarbeitenden – und wie sicher bin ich darin, was für sie Glück, Sinn, Verbundenheit und Selbstverwirklichung bedeuten?
Sind mir diese Kriterien vertraut, kann ich mich im gemeinsamen Gespräch auf die Suche machen: Wie lassen sich diese Grundbedürfnisse auch im betrieblichen Kontext möglichst gut verwirklichen?
Denn eines ist sicher: Der heliotrope Effekt existiert. Wenn es Führungskräften gelingt, Wertschätzung, Sinn und Vertrauen zu vermitteln, richten sich Mitarbeitende wie „Sonnenblumen“ auf diese positiven Impulse aus – mit mehr Motivation, Verbundenheit und Leistungsbereitschaft.
#Führung