Stress und Entspannungstechniken – manchmal ein Fass ohne Boden?
In der Begleitung von Führungskräften taucht eine Frage immer wieder auf. Die Situation ist herausfordernd. Gleichzeitig ist die Führungskraft gut darin geübt, trotz der zahlreichen Belastungen immer wieder Entspannungsmomente zu finden.
Doch im vertrauten Rahmen des Coachings schält sich eine andere Frage heraus, die die Selbstführung betrifft: Ist es für mich auf Dauer stimmig, mich von Entspannungstechnik zu Entspannungstechnik durch verschiedene stressvolle Situationen hindurch „zu retten“?
Kurzfristige Belastungen erträglicher machen
Natürlich kann es sinnvoll sein, kurzfristige Belastungen mithilfe von Entspannungstechniken erträglicher zu machen. Problematisch kann es werden, wenn Entspannungstechniken vor allem dazu dienen, Belastungen immer wieder kurzfristig erträglicher zu machen, ohne deren eigentliche Ursachen zu bearbeiten.
Dann besteht die Gefahr, dass Entspannung zu einer Art „inneren Reparaturprogramm“, zu einer „Überlebensroutine“ wird. Man reguliert sich, funktioniert weiter – aber die belastenden Muster bleiben bestehen. Mögliche Anzeichen dafür, dass Entspannungstechniken vor allem zur kurzfristigen Regulation genutzt werden, können sein:
- Symptommanagement statt Ursachenklärung: Die Führungskraft sorgt regelmäßig für Entspannung, verändert aber weder Prioritäten noch unklare Rollen, unbearbeitete Konflikte oder strukturelle Überlastungen.
- Selbstoptimierungsdruck: Entspannung wird zu einer weiteren Pflicht: „Ich muss nur besser meditieren, atmen, achtsam sein — dann halte ich das schon aus.“
- Vermeidung von Entscheidungen: Statt Grenzen zu setzen, Nein zu sagen oder Konflikte anzusprechen, wird die eigene Anspannung immer wieder reguliert.
- Stresssignale beruhigen, statt sie ernst zu nehmen: Die Anspannung wird reduziert, die zugrunde liegenden Stresssignale werden aber nicht mehr als wichtige Information verstanden: „Hier stimmt etwas nicht.“
- Funktionieren statt Selbstführung: Die Methode hilft kurzfristig bei der Regulation, stärkt aber nicht automatisch die Fähigkeit, die eigene Situation aktiv zu gestalten.
Deshalb tritt im Coaching an die Stelle der Frage „Welche Entspannungstechnik hilft mir?“ immer wieder eine andere: „Was sagt mir meine Anspannung über meine aktuelle Führungssituation — und welche Handlung ist jetzt angemessen?“
Was tun, wenn Entspannungsmethoden allein nicht ausreichen?
Diese Frage hat Annette Bantel-Kochan und mich dazu angeregt, beim anstehenden do care! Online-Kongress 2026 der Frage nachzugehen, welche Ansätze zur aktiven Selbststeuerung in stressvollen Situationen hilfreich sein können. Es geht also darum, die Perspektive zu wechseln: am System zu arbeiten – und nicht nur im System.
Danke an dieser Stelle an Dr. Anne Katrin Matyssek für die herzliche Einladung an uns Referent:innen.

Zwei Impulse zur Selbstführung: Affect Labeling und Circle of Influence
Affect Labeling: Gefühle in Worte fassen
Im Zusammenhang mit dem sogenannten Affect Labeling findet sich häufig der Slogan: „Name it to tame it“ – also sinngemäß: Benenne das Gefühl, um besser damit umgehen zu können.
Die Erfahrung dahinter dürfte vielen Menschen vertraut sein: Wenn wir ein Gefühl möglichst konkret in Worte fassen können, kann allein dieses Benennen bereits dazu beitragen, etwas Abstand zum unmittelbaren emotionalen Erleben zu gewinnen.
Für die Selbstführung kann schon die Frage hilfreich sein: „Was genau spüre ich gerade – Ärger, Unsicherheit, Überforderung, Enttäuschung oder vielleicht Angst?“
Vom Wahrnehmen zum Handeln: der Circle of Influence
Der Circle of Influence kann Führungskräften anschließend helfen, den eigenen Handlungsspielraum in einer belastenden Situation zu fokussieren.
Eine erste Frage kann lauten: Was liegt unmittelbar in meiner eigenen Hand?
Dazu gehören beispielsweise meine Entscheidungen, mein Verhalten und die Haltung, mit der ich einer Situation begegne. Hier kann ich bewusst entscheiden, wie ich handeln möchte.
Die zweite Frage richtet den Blick auf meinen Einfluss: Was kann ich zwar nicht allein bestimmen, aber möglicherweise mitgestalten?
Dazu gehören zum Beispiel Gespräche mit anderen, Beziehungsgestaltung, Vorschläge und Initiativen sowie Führung und Kommunikation. Hier kann ich mich engagieren – ohne sicher sein zu können, welche Wirkung ich damit erreiche.
Eine für mich wichtige Grundidee dabei ist: Wenn ich meinen Einflussraum gar nicht erst betrete, kann ich auch nicht herausfinden, welche Gestaltungsmöglichkeiten dort vielleicht noch liegen.
Und was liegt außerhalb meines Einflusses?
Daneben steht der Circle of Concern – der Bereich all dessen, was mich beschäftigt, ohne dass ich es unmittelbar verändern kann.
Dazu gehören Themen, die mich durchaus beschäftigen oder belasten können, auf die ich aber keinen oder nur sehr begrenzten Einfluss habe. Das können zum Beispiel weltpolitische Entwicklungen, die allgemeine Wirtschaftslage, das Wetter, Entscheidungen anderer Menschen oder bereits Geschehenes sein.
Passend dazu kennen vermutlich viele den Ausspruch „hätte hätte Fahrradkette“.
Hier kann es für Führungskräfte hilfreich sein, mit der eigenen Energie bewusst umzugehen und sie stärker auf die Bereiche zu richten, in denen Handeln oder Einfluss tatsächlich möglich sind.
Auch das Gelassenheitsgebet greift einen ähnlichen Gedanken auf: unterscheiden zu lernen zwischen dem, was ich verändern kann, und dem, was ich annehmen muss. Diesen Gedanken habe ich bereits im Beitrag „Change it, love it or leave it“ aufgegriffen:
https://www.loquenz.de/change-it-love-it-or-leave-it
Für mich ergänzen sich beide Ansätze gut: Affect Labeling hilft zunächst, genauer wahrzunehmen und zu benennen, was gerade in mir passiert. Der Circle of Influence richtet anschließend den Blick darauf, wo ich handeln, Einfluss nehmen oder bewusst loslassen kann.
Entspannung bleibt dabei wertvoll – aber sie wird vom „inneren Reparaturprogramm“ wieder zu dem, was sie sein kann: eine Unterstützung, um anschließend klarer und angemessener zu handeln.
Terminhinweis: „Selbstführung – In stressigen Momenten handlungsfähig bleiben“
Gemeinsam mit Annette Bantel-Kochan stelle ich beim do care! Online-Kongress 2026 in unserem Vortragsvideo konkrete Ansätze vor, die dabei unterstützen können, auch in stressigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Hier das Programm und der Zeitplan des do care! Online-Kongresses 2026
Und hier unser Veranstaltungstipp dazu – mit dem ‚Early-Bird-Vorteil‘ für unsere Kunden.
#Selbstführung