Exnovation – mehr als das „Schlachten heiliger Kühe“

Viele Führungskräfte kennen den Ruf nach dem Schlachten heiliger Kühe. Welche veralteten Regeln gibt es im Betrieb, die noch immer als unantastbar gelten? Was ist zu tun, um solche Abläufe erfolgreich abzuschaffen oder durch effizientere Prozesse zu ersetzen?

Exnovation geht jedoch darüber hinaus. Ihre Bedeutung ist – verkürzt gesagt – Praktiken, Prozesse, Produkte, Technologien oder Denkweisen bewusst abzuschaffen, zu beenden oder zurückzubauen, wenn sie nicht mehr sinnvoll, wirksam oder zukunftsfähig sind.

Und sie ist damit das notwendige Gegenstück zur Innovation. „Innovation braucht Exnovation“, schreibt Dr. Anja C. Wagner in einem Beitrag über die Widersprüchlichkeit von Digitalminister Karsten Wildberger und Finanzminister Lars Klingbeil. Zum Beitrag: https://frolleinflow.com/das-reformpaket-das-sich-selbst-ueberholt

Exnovation – gezieltes Verabschieden von Bestehendem

Der Begriff Exnovation stammt aus der Organisations- und Innovationsforschung und meint nicht einfach nur „Weglassen“. Er beschreibt vielmehr das gezielte und reflektierte Verabschieden von Bestehendem. Und damit den strategischen Akt, Altes loszulassen, um Platz für Neues zu schaffen – und damit für Innovation.

Typische Beispiele für notwendige Exnovationen sind:

  • die Abschaffung veralteter IT-Systeme
  • das Beenden ineffektiver Meetings oder Berichtspflichten
  • der Rückzug aus nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodellen
  • das Verlernen überholter Führungs- oder Entscheidungslogiken
  • der Abschied von Kulturmustern, z. B. „Das haben wir schon immer so gemacht“

Unter Innovationsdruck wird Exnovation zunehmend wichtig

Organisationen scheitern selten am Mangel an Ideen, sondern deutlich häufiger an Überlastung, zu hoher Komplexität, internen Abhängigkeiten und der emotionalen Bindung an das Vergangene. Wird Exnovation vernachlässigt, können Innovationsstaus entstehen.

Zum Teil werden neue Reformpakete gestartet, bevor die vorherige Reform abgeschlossen ist. Dadurch können Parallelwelten aus Altem und Neuem entstehen. Die Folge ist eine zunehmende Ermüdung der Mitarbeitenden. Exnovation ist deshalb nicht nur ein nice to have, sondern eine wesentliche Voraussetzung für Veränderungsfähigkeit.

Exnovation bedeutet nicht einfach Sparen oder Abbau

Oft wird Exnovation als reine Kostensenkung, als Kahlschlag oder als Rationalisierung missverstanden. Zu diesem verkürzten Verständnis gibt es jedoch entscheidende Unterschiede. Während Spar- oder Abbauprogramme häufig von Kurzfristigkeit, reaktivem Verhalten und einem starken Kostenfokus geprägt sind, geht es bei Exnovation um strategisches Gestalten mit Blick auf Sinnhaftigkeit und Wirkung.

Worauf sollten Führungskräfte achten?

Erfahrungsgemäß sind Prozesse der Reduktion aus psychologischer Sicht häufig mit negativen Emotionen verbunden. Das kann ein Statusverlust sein, der mit dem Gefühl eines Kompetenzverlusts einhergeht, oder ein „Trauerprozess“, der mit dem Abschied von Gewohntem verbunden ist. Manchmal werden mit dem Streichen von Prozessen auch frühere Erfolge indirekt infrage gestellt.

Führungskräfte sollten Gefühle wie Trauer, Widerstand und Ambivalenz ansprechen, legitimieren – aber nicht pathologisieren. Dazu passt der Leitsatz: „Nicht alles Alte ist falsch – aber nicht alles bleibt richtig.“

Wenn ich als Führungskraft ‚Exnovation‘ ausdrücklich benenne und nicht nur über Innovation spreche, erleichtere ich Mitarbeitenden den Umgang mit dem gefühlten Verlust. Als Führungskraft sollte ich eine klare Sprache für das Beenden finden. Ich kann Mitarbeitende zum Beispiel fragen:

  • Was machen wir weiterhin, obwohl es niemand mehr wirklich braucht?
  • Was kostet uns Energie, ohne einen echten Wert zu stiften?
  • Was würden wir heute nicht mehr einführen?

Oft stehen Macht- und Interessenfragen hinter Exnovationen, die nicht umgesetzt werden. Wenn ich als Führungskraft reflektiere, welche Interessen im Hintergrund noch wirksam sind, kann ich strategisch sinnvoll damit umgehen. Dabei gilt es, immer wieder zu prüfen:

  • Wer profitiert vom Fortbestehen?
  • Wer verliert durch die Abschaffung Einfluss?
  • Welche stillen Machtarrangements werden dadurch berührt?

Schließlich entscheidet auch die Dosierung von Exnovationen über ihre Wirksamkeit. Eine Grundregel liegt auf der Hand: Nicht alles gleichzeitig abschaffen!

Gelingt es mir nicht, die angemessene Dosis zu finden, kann das bei Mitarbeitenden zu Orientierungsverlust und dem Gefühl von Überforderung führen. Eine häufige Reaktion darauf ist ein um sich greifender Zynismus („Jetzt wird alles kaputtgemacht“).

Indem ich Exnovationen schrittweise gestalte, nachvollziehbar priorisiere und verständlich begründe, kann ich als Führungskraft den genannten negativen Effekten wirkungsvoll vorbeugen. Wichtig ist: Exnovation braucht mindestens genauso viel Kommunikation wie Innovation.

Wenn das gezielte und reflektierte Verabschieden von Bestehendem als Lernprozess gestaltet wird, können Fragen wie diese helfen:

  • Was hat früher funktioniert – und warum?
  • Was hat sich verändert?
  • Was nehmen wir bewusst mit?

Diese Fragen können dazu beitragen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, Altes loszulassen, um Platz für Neues zu schaffen, und die Akzeptanz dafür zu erhöhen. Gut gestaltete Abschiedsrituale, die vergangene Leistungen anerkennen und Erfahrungswissen dokumentieren, runden solche Lernprozesse auch emotional ab.

Und natürlich gilt auch hier: Führungskräfte sollten Vorbild sein. Wenn ich als Führungskraft von mir sagen kann: „Diese Praxis habe ich lange vertreten – heute würde ich es anders machen.“, ist die Signalwirkung dieses Satzes in die Organisation hinein kaum zu unterschätzen.

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