Exnovation meint das bewusste Abschaffen, Beenden oder Zurückbauen von Praktiken, Prozessen, Produkten, Technologien oder Denkweisen, die nicht mehr sinnvoll, wirksam oder zukunftsfähig sind. Damit sollte Exnovation einen festen Platz im Führungshandeln haben – als wichtige Voraussetzung für Innovation (vgl. Blogbeitrag Exnovation).
Abschied als Weg zur Transformation
Exnovation scheint auch für die evangelische Kirche ein wichtiges Thema zu sein, um Voraussetzungen für anstehende und notwendige Innovationen zu schaffen. Die evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) stellt dafür eine eigene Internetseite zur Verfügung: „Aufhören anfangen – exmove“ (www.mi-di.de/exmove).
Exnovation als Führungskraft fördern
Als Führungskraft kann ich Exnovation durch unterschiedliche Entscheidungs- und Portfolioinstrumente fördern. Die folgenden Methoden bieten eine erste Auswahl.
1. Stop-Doing-Liste
Die Idee: Lieber systematisch beenden, statt Dinge nur implizit auslaufen zu lassen.
Die Umsetzung: Im quartalsweisen oder halbjährlichen Rhythmus bringt jede Einheit oder jeder Verantwortungsbereich im Führungskreis ein bis zwei Kandidaten für eine potenzielle Exnovation ein. Das können zum Beispiel Prozesse, Routinen, Projekte oder Berichtspflichten sein.
Gemeinsam wird entschieden, was beibehalten, reduziert oder beendet wird. Wichtig ist: Die Liste muss verbindlich sein und konsequent nachverfolgt werden.
2. Exnovationskriterienset
Die Idee: Entscheidungen objektivieren und damit entpolitisieren.
Die Umsetzung: Im Team oder im Führungskreis wird ein gemeinsames Verständnis entwickelt, woran Exnovationspotenzial erkannt werden kann. Typische Kriterien sind zum Beispiel:
- Trägt es noch zur Strategie bei?
- Bindet es mehr Energie, als es Wert schafft?
- Würden wir es heute neu einführen?
- Ist es gesetzlich notwendig oder nur historisch gewachsen?
- Welche unbeabsichtigten Nebenwirkungen hat es?
Idealerweise entsteht dadurch eine gemeinsame Sprache – anstelle eines eher diffusen Bauchgefühls.
3. Sunset Decision
Die Idee: Ewige Verlängerungen einmal getroffener Entscheidungen verhindern.
Die Umsetzung: Jede neue Maßnahme, jedes Gremium und jeder neu eingeführte Prozess erhält ein eindeutiges Enddatum. Bereits bei der Einführung wird eine klare Review-Logik definiert.
Eine Verlängerung braucht dann eine aktive Entscheidung für die Fortsetzung der Maßnahme, des Gremiums oder des Prozesses. Damit wird klar signalisiert: Nichts hat per se Bestandsschutz.
Exnovation durch klare Kommunikation fördern
1. Exnovationsnarrativ
Die Idee: Sinn geben, bevor Gerüchte entstehen.
Die Umsetzung: Als Kernelemente guter Führungskommunikation in Exnovationssituationen lassen sich folgende Punkte festhalten:
- Warum das Alte sinnvoll war
- Warum es jetzt nicht mehr passt
- Was dadurch möglich wird
- Was ausdrücklich nicht damit gesagt wird („Eure Arbeit war nicht sinnlos“)
Damit wird die Gefahr deutlich reduziert, dass die anstehende Exnovation als Geringschätzung erlebt wird.
2. Explizite Abschiedskommunikation
Die Idee: Würdigung statt stilles Verschwinden.
Die Umsetzung: Wenn ich als Führungskraft in klare Formate investiere, die den Wertbeitrag des Bisherigen würdigen, minimiere ich mögliche negative Nachwirkungen.
Solche Formate können ein gemeinsamer Abschied in einer Townhall, ein letztes Review oder eine letzte Retrospektive sein. Wichtig ist, den Dank an die bisher Beteiligten deutlich zu formulieren – und ebenso deutlich zu machen, was die Organisation daraus gelernt hat.
Klären, wer Exnovation anstoßen darf
1. Exnovationsvorschlagsrecht
Die Idee: Ein Frühwarnsystem aus der Organisation institutionalisieren.
Die Umsetzung: Ähnlich wie im betrieblichen Vorschlagswesen gilt es zu klären, dass Mitarbeitende Dinge benennen dürfen, die beendet werden sollten.
Wichtig ist ein transparenter Prozess: von der Einreichung über die Prüfung bis hin zur gut begründeten Rückmeldung. Vor allem sollte darauf geachtet werden, dass auch ein „Nein“ erklärt wird.
2. Exnovationsdialoge im Team
Die Idee: Lokale Entlastung ermöglichen.
Die Umsetzung: In Teambesprechungen können regelmäßig folgende Leitfragen bearbeitet werden:
- Was machen wir, obwohl es niemand mehr wirklich braucht?
- Welche Regeln dienen mehr der Absicherung als der Arbeit?
- Was könnten wir lassen – ohne Schaden?
Als Führungskraft sollte ich darauf achten, vor allem in der Moderationsrolle zu bleiben. Die jeweiligen Entscheidungen sollten gemeinsam mit den Mitarbeitenden getroffen werden.
Exnovation verankern
1. Exnovationscheckpoint in Change-Projekten
Die Idee: Mit Reformen oder Change-Projekten nicht nur Zusätzliches einführen, sondern auch gezielt auf Reduktion achten.
Die Umsetzung: Als Pflichtfrage bei jedem Projekt gilt es zu klären: Was fällt konkret weg, wenn wir unser Vorhaben einführen?
Sollte kein Wegfall erkennbar sein, ist das Projekt kritisch zu hinterfragen.
2. Reduktionsbudgets
Die Idee: Reduktionsbudgets als klares Gegengewicht zu einer reinen Wachstumslogik nutzen.
Die Umsetzung: Für jede neue Maßnahme wird als Voraussetzung definiert, welche Streichung von Stunden, Aufgaben oder Prozessen dafür vorgesehen ist.
Damit übernehme ich als Führungskraft Verantwortung dafür, die Balance im Belastungsgefüge der Mitarbeitenden im Blick zu behalten. Reduktionsbudgets machen Exnovation rechnerisch sichtbar.
Führungs- und Vorbildinstrumente
Als Führungskraft befinde ich mich immer in einer Vorbildfunktion. Deshalb sollte ich die Frage klar beantworten können, was ich selbst aufhöre zu tun.
1. Persönliche Exnovationszusage
Die Idee: Die Glaubwürdigkeit des eigenen Führungshandelns stärken.
Die Umsetzung: Als Führungskraft sollte ich Gelegenheiten nutzen, in denen ich öffentlich benennen kann, wo ich selbst Exnovation lebe. Das können Reduktionen eigener Berichte, von mir verantwortete Meetings oder von mir verursachte Kontrollroutinen sein.
Wichtig ist das Signal an die Mitarbeitenden: Exnovation ist kein Thema, das ich als Führungskraft ausschließlich delegiere.
2. Entscheidungslogik offenlegen
Die Idee: Machtprozesse transparent machen.
Die Umsetzung: Indem ich als Führungskraft gut verständlich erkläre, warum X bleibt und Y beendet wird, stelle ich Transparenz darüber her, welche Interessen bei der Exnovationsentscheidung berücksichtigt wurden.
Dadurch trage ich dazu bei, eventuell aufkommenden Zynismus im Sinne von „Die da oben schon wieder“ zu minimieren.
Kompakte Übersicht: Instrumente und ihre Einsatzgebiete
Exnovation hat viele Facetten (s. https://www.loquenz.de/exnovation-mehr-als-heilige-kuehe-schlachten-2026/). Für die Praxis ist weniger entscheidend, möglichst viele Methoden zu kennen, sondern die passende Methode für die jeweilige Situation bewusst auszuwählen. Die folgende Übersicht bietet dafür eine erste Orientierung.
| Methode | Anwendungssituation |
|---|---|
| Stop-Doing-Liste | Wenn Prozesse, Routinen, Projekte oder Berichtspflichten systematisch überprüft und bewusst beendet werden sollen |
| Exnovationskriterien | Wenn Entscheidungen nachvollziehbarer, sachlicher und weniger politisch getroffen werden sollen |
| Sunset Decisions | Wenn verhindert werden soll, dass Maßnahmen, Gremien oder Prozesse dauerhaft bestehen bleiben, ohne erneut geprüft zu werden |
| Exnovationsnarrativ | Wenn Sinn, Akzeptanz und Orientierung in Veränderungssituationen geschaffen werden sollen |
| Exnovationsvorschlagsrecht und Beteiligungsformate | Wenn Mitarbeitende frühzeitig einbezogen und Hinweise aus der Organisation systematisch genutzt werden sollen |
| Exnovationsdialoge im Team | Wenn lokale Entlastung ermöglicht und gemeinsam geprüft werden soll, was ohne Schaden weggelassen werden kann |
| Checkpoints und Reduktionsbudgets | Wenn Exnovation strukturell in Change-Projekten, Reformen oder neuen Vorhaben verankert werden soll |
| Vorbildhandeln | Wenn Führungskräfte Glaubwürdigkeit schaffen wollen, indem sie selbst sichtbar mit dem Beenden beginnen |
| Abschieds- und Lernformate | Wenn bisherige Arbeit gewürdigt, Wissen gesichert und negative Nachwirkungen reduziert werden sollen |
Innovation und Exnovation für Führungskräfte
Als Fazit lässt sich für Führungskräfte festhalten: Innovation zeigt Gestaltungswillen. Exnovation zeigt Führungsreife.